Reisebericht Estland - Wälder & Moore
Estland - Wälder & Moore
09. August

Mit gepackten Koffern brachen wir heute weiter in Richtung Westen auf. Unser Ziel war die größte Insel Estlands Saarema (früher Ösel). Natürlich fuhren wir nicht in einem Durch, sondern machten unterwegs Stationen. Unser erster Halt war in Puhtulaid. Dort trafen wir auf den estnischen Biologen Peter Vissak, der uns durch das Naturschutzreservat führte und seine Besonderheiten erläuterte. Erstaunt waren wir, dass man nicht ohne Weiteres in dieses Gebiet gehen darf, sondern nur in Begleitung eines Leiters. Die Tatsache, dass die Anzahl der besuchenden Gruppen mit 9 sehr gering ist und wir zu einer dieser Gruppen gehörten, faszinierte uns alle gleichermaßen.
Der botanische Rundgang endete auf einer Gehölzwiese in Laelatu. Schade, dass wir erst im August hierher gekommen sind, denn hier wachsen etliche Orchideenarten und auch sehr seltene. Es gibt aber auch andere unter Naturschutz stehende Pflanzen, so dass dieses Gebiet für Naturfreunde und Botaniker besonders interessant ist. Mir ist insbesondere die Atmosphäre dort aufgefallen. Sie ist kaum in Worte zu fassen, man muss es einfach gesehen haben!
Anschließend fuhren wir zum Hafen nach Virtsu. Von dort ging es mit der Fähre zuerst auf die Insel Muhu. Von dort fuhren wir mit unserem Bus über einen Damm auf die Insel Saarema. Das völlig unter Denkmalschutz stehende Dorf Koguva war unser erstes Ziel. In diesem teilweise zu einem Museum umfunktionierten Dorf, bekamen wir einen Einblick in den früheren estnischen Alltag. Nach dem Rundgang fanden wir nach einigem Suchen ein schönes Café. Da das Wetter sonnig und warm war, nahmen wir im Garten mitten auf der Wiese Platz. Dort herrschte eine gemütliche Ruhe, dass wir am liebsten dort geblieben wären. Aber Olaf wusste uns geschickt dort wegzulocken und so fuhren wir bald schon weiter zu dem Kratersee von Kaali. Dieser ist tatsächlich durch einen Meteoriteneinschlag vor etwa 10.000 Jahren entstanden. Imposant zu sehen war, dass der See recht tief liegt, einen Durchmesser von 100 m hat und kreisrund ist.
Langsam, aber sicher, näherten wir uns unserem Hotel in Nasva bei Kuressaare. Das Staunen über die Lage des Hotels war nicht zu übersehen. Es war paradiesisch, wie im Reisekatalog! Das Hotel war über einen Damm zu erreichen und lag auf einer kleinen Insel. Jedes Zimmer hatte einen Balkon mit Meerblick. Ich hatte ein Zimmer bekommen, von dem man den Sonnenuntergang aus sehen konnte. Genial!
Das Abendessen nahmen wir an diesem abwechslungsreichen Tag im Kurhaus von Kuressaare ein. Das Ambiente stimmte. Wir fühlten uns in die Zeit des Jugendstils zurück versetzt und ließen es uns schmecken!
10. August

Das Ziel dieses Tages war die Insel Vilsandi. Ein riesiges Naturparadies, in dem zahlreiche Vogelarten ihr Zuhause gefunden haben, erwartete uns dort. Da dort, wegen der harten Lebensbedingungen im Winter, fast keine Menschen mehr wohnen, bevölkerten wir mit unserer Gruppe an diesem Tag die Insel. Die Faszination sollte jedoch kein Ende nehmen. Nachdem wir im Naturschutzzentrum eine filmische Einführung bekommen hatten, zogen wir mit unserer heutigen Leiterin los. Sie glich einer amerikanischen Rangerin und sprach ein interessantes Englisch - aber für jeden verständlich! Die Fahrt mit dem Bus endete recht schnell und wir wurden aufgefordert in einen riesigen, alten und mit Rost überzogenen russischen LKW umzusteigen. Über eine Leiter bestiegen wir also die Pritsche des LKW und nahmen auf Holzbänken Platz. Mit lautem Motorengeräusch starteten wir die Fahrt durch die recht flache Ostsee zur Insel Vilsandi. Die Fahrt war abenteuerlich, lustig und landschaftlich sehr schön. Die Sonne gab dem Meerwasser eine tolle Farbe und Kiebitze, Rotschenkel, Alpenstrandläufer, Küstenseeschwalben und Möwen begleiteten uns auf der Fahrt.
Auf der Insel mussten wir uns natürlich mit einem ausgiebigen Picknick erst einmal stärken, bevor wir zu der Wanderung über einen Teil der Insel starteten. Unsere "Rangerin" zeigte uns die verschiedenen Facetten der Landschaft auf der Insel. Unter Anderem berichtete sie uns, dass auf der Insel die beste und sauberste Luft ist. Also atmeten wir von nun an tiefer ein!
Leider konnten wir auch hier nicht mehr die Vielfalt und Pracht der Orchideen bewundern, dafür hatten wir die Gelegenheit am Strand nach Fossilien zu suchen. Bei fast allen von uns entwickelte sich recht schnell der Sucher- und Sammlertrieb. Und so hoben wir jeden verdächtigen Stein auf, drehten und wendeten ihn und steckten manchen Stein in den Rucksack. Die Atmosphäre auf Vilsandi war beeindruckend. Hier herrschte eine himmlische Ruhe, die nur durch das leichte Plätschern der Ostsee und das Schreien einiger Vögel unterbrochen wurde.
Nach der gemütlichen Wanderung bestiegen wir wieder unseren LKW, um auf demselben Weg die Rückfahrt anzutreten. Der Reiz des Abenteuers war auch jetzt noch nicht verflogen und Yves meinte, dass dies "total unspießig" sei. Bevor wir aber zum Hotel zurückfuhren, haben wir an einem urtümlichen kleinen Restaurant Halt gemacht. Gemütlich in einer Bauernstube sitzend, bekamen wir ein typisch estnisches Gericht serviert: Kartoffelpüree mit einer Sahne-Specksoße, Kraut- und Möhrensalat und einen nussig-fruchtigen Nachtisch. Es war ein einfaches, aber deftig leckeres Abendessen!
11. August

Schon beim Frühstück begrüßte uns die aufgehende Sonne im Speiseraum und stimmte uns auf den bevorstehenden Tag ein. An diesem Tag hatten wir ein reichhaltiges abwechslungsreiches Programm vor uns. Natur und Kultur sollten wir erleben! Also starteten wir in das botanische Schutzgebiet Viidumäe. Begleitet von einer reizenden estnischen Biologin lernten wir während unserer Wanderung die Vielfalt des Reservates kennen. Das in Stufen gelegene Reservat, erkundeten wir wörtlich gesehen Stufe um Stufe. Feuchtgebiete und Moore wechselten sich ab und einige hier entdeckte Pflanzen sind sogar ausgesprochene Raritäten. Berühmt ist das Naturschutzgebiet für die endemische Blume Rhinantus osiliensis, dem Saaremaa-Klappertopf. Aber auch diverse Fettpflanzen und der Sonnentau prägen beispielsweise die Landschaft. Als Wanderer muss man sich deswegen strikt an die ausgeschilderten Wege halten.
Im Anschluss daran fuhren wir an die Südwestspitze der Insel Saarema. Dort erwartet uns eine Beringungsstation. Doch bevor wir uns diese anschauten, nahmen wir erst einmal das Picknick ein. In Matsalu hatte uns schon ein Biologe von der Beringung der verschiedenen Vogelarten berichtet: Wie und warum es gemacht wird und wie die Daten ausgewertet werden. Nun hatten wir die Gelegenheit dies uns anzusehen. Nachdem wir dorthin gegangen waren, mussten wir leider feststellen, dass an diesem Tag kein Mensch in der Vogelstation war. So konnten wir uns nur die Fangnetze angucken, die in den Gebüschen hingen. Olaf war über diese Tatsache alles andere als erfreut, insbesondere weil er als Ornithologe ein besonderes Interesse an diesem Thema hat. Aber nun gut! So fuhren wir nicht minder gelaunt nach Kuressaare zurück.
Bevor wir die Führung in der mächtigen Ordensburg haben sollten, hatten wir noch genügend Zeit uns den Ort anzuschauen. Wir erlebten einen kleinen beschaulichen Kurort, der allerlei schöne Gebäude und nette kleine Cafés zu bieten hat. Die ehemalige Ordensburg ist natürlich der Anziehungspunkt schlechthin. Wie ein gewaltiger Koloss mit zwei Türmen steht sie unmittelbar an der Ostsee und scheint unzerstörbar. Es ist auch nicht verwunderlich, denn die Ordensburg wurde schon im 14. Jh. errichtet und trotzt seitdem jeglicher Gefahr. Unsere Leiterin führte uns durch einige Räume, die noch ein wenig Inventar enthielten. Imposant waren die zahlreichen riesigen Wappenschilder von Bischöfen, die an den Wänden hingen. Das Museum führte uns schließlich noch in die estnische Geschichte und in das alltägliche Leben der Esten ein. Es gab viele interessante Dinge zu sehen!
Nach so viel Natur und Kultur an einem Tag, war es dann an der Zeit, sich zu stärken. Dies taten wir in einem urtümlichen Restaurant in einer alten Mühle. Wer hat schon die Chance in einer Mühle zu Abend zu essen?